Ein Ausschnitt auf dem Alltagsleben über die seltsamen, aber wohl aktuellen, (post)modernen und vielleicht auch verbreiteten Vorstellungen über den Humanismus (außerhalb seiner bekanntesten szientistischen Aushöhlung: der Humanismus sei ein materialistisches ‚kritisches Denken‘).
Da laufe ich die Straße entlang und schon von Weitem bekomme ich von einem Spendensammelstand irgendeiner mehr oder weniger sozialen Organisation, die Kinder rettet, zugerufen: „Ich hab auf dich gewartet!“ Da ich schlicht meinen Weg fortsetze, treffe ich auf den jungen engagierten Mann, der wohl schon den ganzen Tag auf mich gewartet hat. Na dann schauen wir mal, ob sich das Warten gelohnt hat.
Es entsteht ein Gespräch über den Sinn derartiger Weltrettung, da aus meiner Sicht solche Leidzustände in der Welt samt den dazugehörigen Hilfsorganisationen in der neoliberalen Welt ihren Zweck, ihren Stellenwert und so makaber es klingt, ihren Sinn haben. Der mehr oder weniger strukturell gewollt entstandene Leidzustand in irgendeiner Ecke der Gesellschaft bekommt seinen positiven Gegenspieler in einer ebenso gewollten Hilfsorganisation. Das eigentliche Gesellschaftsproblem liegt wo ganz anders und wird nicht beachtet.
Doppelte Vergesellschaftung gesellschaftlicher Leidzustände
Wenn es soziologisch die positiv konnotierte sogenannte doppelte Vergesellschaftung der Frau gibt (die Frau als Mutter am Herd und die Frau als Arbeiterin), dann gibt es an dieser Stelle die doppelte (mindestens!) Vergesellschaftung gesellschaftlicher Leidzustände. Einerseits schafft man diese Zustände durch neoliberale und neokoloniale Elitenherrschaft und entsprechende Macht- und Ressourcenverteilung durchaus bewusst oder nimmt sie zumindest in Kauf („How Europe Underdeveloped Africa“, „The Divide“) , andererseits vermarktet man sie als positive Verstärkung moralischer neokolonialer Würde. Schwarze weinende Kinder auf Plakaten, Gruselgeschichten über Genitalverstümmelungen, Kinderehen und andere Scheuslichkeiten – da hilft man doch gerne, wenn man schon den neokolonialen Wohlstand genießen darf! Der kleine Bürger und selbstverständlich auch die kleine Bürgerin und neutrale Bürgers können schon mit einem Euro helfen! Ist es nicht großartig? Wie wäre es wohl, wenn industriele, ökonomische und geopolitische Akteure, die dieses Leid fördern und in Kauf nehmen, sich ordentlich daran beteiligen? Kann man das einfach als Whataboutismus abtun? Wer jetzt an Milliarden Stiftungsgelder denkt, der denkt wohl auch, dass Philanthropie tatsächlich etwas mit Menschenfreunden zu tun hat. Da empfehle ich Literatur, um diesen Unsinn zu überdenken: „Scheinheilige Stifter“, „Winners Take All“, „Just Giving“, „Die Kapitalisten des 21. Jahrhunderts“, „Philanthropy and Cultural Imperialism“. Diese Beteiligung der ‚Menschenfreunde‘ wird also nicht stattfinden.
Also: Win-Win-Situation mit Recycling bzw. Upcycling von Leidzuständen zur moralischen Bürgerverstärkung und Politinszenierung. Luc Boltanski beschrieb in „Distant Suffering“ eine Seite dieses Hintergrundes, den ich hier explizit als „doppelte Vergesellschaftung gesellschaftlichen Leids“ nenne. Sein Begriff „Politik des Mitleids“ beschreibt genau die moralische Position des Betrachters, der die wirklichen Zustände gar nicht ändert, auch wenn er als Tätiger hier und dort ganz konkret Kinder vor etwas rettet. Doch dabei kann er als Betrachter und vor allem als Tätiger, samt dem ganzen Politschauspiel, sich in einem moralischen Kleid zeigen (für sich selbst, wie auch für die anderen). „The Ironic Spectator“ von Lilie Chouliaraki zeigt, wie die medial kreierte pseudohumanitäre Kommunikation (post-humanitatianism) sich dem Konsumenten, statt den Leidenden zuwendet. Didier Fassin beschreibt in „Humanitatian Reason“ wie die Regierungstechnik immer mehr zur entpolitisierten „humanitären Vernunft“ wird, worin Leid die zentrale Stellung einnimmt.
Wie bei einem pathologischen Helferkomplex: Man helfe dem Bedürftigen. Seine Rettung darf aber nie stattfinden, denn dann hätte man keine Aufgabe, keine Selbstfedinition mehr. Auch die ganze Szenerie der Hilfe, die ein entsprechendes Bild nach außen liefert, wäre nicht mehr da. Also helfe man nur bedingt, nur teilweise, nur einwenig, nur soviel man braucht. Man züchte Abhängigkeit und hilft nur soweit dieses Gleichgewicht nicht gestört wird.
Wären also keine Hilfsorganisationen und keine mediale Inszenierung des tatsächlich vorhandenen gesellschaftlichen Leids, hätte das Leid keine Funktion (einen philosophischen individuellen und sozialen Sinn vielleicht, aber keine Funktion). Jegliche Konsumentengewandte Moralapostel hätten auch keine Funktion, keine moralische Aufgabe. Ja, dieses Leid wäre dadurch auch weitgehend unbekannt oder es hätte sich vielleicht ganz andere Wege der Mitteilung verschafft, die nicht medial-politisch verwaltet und ausgebeutet werden. So, wie das Leid sich immer auf Umwegen, die man erforschen sollte, Gehör verschafft. Und ja, jedes Individuum wäre in der Selbstverantwortung, sich darüber Gedanken zu machen, inwiefern es Leid in der Gegesellschaft gibt und wie man diesem Leid begegnet. Die Reailtät wäre eine relativ ignorante Erscheinung. Doch das ist sie auch jetzt gewiss (aus Gründen von Angst, aus Gründen von Schwäche, aus Gründen eben), nur mit dem Schein des moralischen Upcyclings.
Dilemma: helfen oder nicht?
Das Ganze ist natürlich ein Dilemma: soll man jetzt nichts tun und nur zuschauen, wie Teile der Gesellschaft leiden? Man rettet ja hier und dort durch das Geld tatsächlich andere Menschen. Dieses Dilemma ist auf gesellschaftlicher Ebene nicht zu lösen, weil es dort gar kein Dilemma, sondern eine klare Funktion ist. Es ist also eine persönliche Frage jedes einzelnen Menschen und muss auch dort von jedem einzelnen für sich gelöst werden. Wo beteilige ich mich aus moralischer Sicht in der Entwicklung der Gesellschaft zum Wahren, Schönen und Guten (falls es für mich relevant erscheint)? Ist es mein Spendenbeitrag, dann sei es so. Ist es eine andere Tätigkeit an einer anderen Stelle, dann sei es auch so. Es kann also im moralischen Sinne gar nicht darum gehen, ob man spendet oder nicht spendet, sondern darum, ob man sich Gedanken darüber macht, was da eigentlich genau vorliegt und wo die für einen selbst denkbaren und erreichbaren Hebel liegen, etwas zur Besserung beizutragen.
Doch zurück zu dem jungen Mann am Spendenschalter, der übrigens Philosophie studiert hat.
Humanismus ohne Ich – sich für das Menschliche einsetzen
Unser Gesprächsversuch drehte sich – grob und deutlich näher an Alltagspolemik – um die zuvor beschriebenen Inhalte. Er – auf der Seite der notwendigen Realität, der „Gesellschaftszustände, die man eh nicht ändern kann“, der praktischen Hilfe und Mitmenschlichkeit. Ich – auf der Seite des Denkens über das, was umfassend als gesellschaftlicher Tatbestand vorliegt. Dieser Versuch führte über einige Umwege – die vielleicht in der Frage zusammengefasst werden können: „wie hilft man denn der menschlichen gesellschaftlichen Entwicklung in ihrem desaströsen Zustand der Unmenschlichkeit“ – zu dem Thema des Humanismus: Was ist der Mensch, was ist menschlich?
Das Gute, Wahre und Schöne, die Ideen von Platon wurden von dem jungen Mann recht schnell in die Tonne gekippt – alles unpraktischer Idealismus. Als ich den deutschen Idealismus erwähnte, der dem Mann nicht wirklich bekannt war und Ich/Geist des Menschen erwähnte, kam mir ein geradezu lachendes Entsetzen entgegen. „Ja, will ich denn Humanismus auf dem Ich aufbauen?!“, meinte der junge Philosoph. „Ja, auf was denn sonst?“, „Auf dem Ich, dem Geist und der Umwelt“, meinte ich. Da kam mir noch mehr Lachen entgegen. Ein Humanismus ohne Ich war dem Mann lieber. Mein Einwand, dass der Mensch ohne Ich, sich nicht von Gemüse unterscheidet, konnte keine Wirkung entfalten. Es ging dann auf meine Darstellung hin um die kindliche Entwicklung und darum, dass ein Kind noch keine reflektierte Ich-Tätigkeit entfaltet. Ob das Kind dann kein Mensch sei, entrüstete sich der junge Mann. Da half auch nicht der goethesche Gedanke, dass der Mensch kein Produkt, sondern im sich Entwickeln begriffen ist und zur Entwicklung unweigerlich ein Ziel, eine Idee gehört, die ganz substanziell eben das Ich und die geistige Tätigkeit mit sich führt (denn ohne dieser Tätigkeit kann der Mensch KEINERLEI bewusstes Erleben entfalten).
„Ein Mensch muss nichts leisten und können“, entgegnete lachend der junge Philosoph, „er ist einfach Mensch“. Was denn jetzt den Menschen für ihn ausmacht, konnten wir leider nicht klären. Er war aber einverstanden, dass ein Mensch nicht durch ein „wir“ definiert werden kann. Vom Kommunismus war der anarchistisch veranlagte Mann ebenfalls nicht begeistert. Zu dem Gedanken, dass ein in welchem Sinne auch immer bewusstloser oder unreflektierter Mensch auch ein Mensch ist, ABER er sich dann nicht entsprechend an seiner Entwicklung beteiligen kann, wenn er in diesem Zustand bleibt, kam ich nicht mehr so richtig, da wir uns nett voneinander verabschiedet haben (es war dem jungen Mann genug der Philosophie). Dieser Gedanke kam mir dann vor allem beim weiteren Spaziergang. Der unbewusste, quasi Ich-gehemmte (Ich-los wäre kein Mensch) Mensch, kann ja treffend als Mensch im Werden bezeichnet werden. Er kann aber dieses Ziel nicht bewusstlos, Ich-los erreichen. Denn Ich-los kann er keinen einzigen Gedanken fassen, keine Wahrnehmung als Solche erleben und einordnen, geschweige denn sich etwas zu essen machen und Ähnliches. Caritative Tätigkeit ändert an dieser Tatsache nichts. Demnach ist Ich-loser Humanismus, Ich-loser Mensch im Sinne seiner Idee, seines Wesenskerns völlig absurd.
Das eigentliche Dilemma unserer Zeit – der abgetriebene Mensch
Das ist eben das eigentliche Dilemma unserer Zeit – man hat keine Vorstellung davon, was ein Mensch wirklich sein soll und es interessiert einen auch nicht besonders. Was soll man dann von Gesellschaft, gesellschaftlicher Entwicklung und ihren Leidprozessen verstehen? Man fühlt dies und jenes, was ein Mensch sein soll oder nicht sein soll und trifft damit hier und dort durchaus das Richtige. Der junge Mann war keineswegs blöd. Er hätte durchaus die Denkkapazität, um in entsprechende gedankliche Tiefen vorzudringen. Diese Kapazität hat eigentlich jeder bei genug Willen. Doch der Spott über Ideale, über das Geistige, über das Ich wiegt mehr als der Wille zur wirklichen Auseinandersetzung mit dem gewaltigen Problem, welches uns in den kommenden Jahren zu einem unermesslich großen gesellschaftlichen Leid führen wird. Ein Leid, welches bisher in seiner gesellschaftlichen Totalität (nicht im individuellen Erleben, welches nicht verglichen werden kann) mit keinem bisher gekannten Leid verglichen werden kann. Ein Leid des Verlustes des Menschen, der Menschlichkeit mit entsprechenden gesellschaftlichen (politischen, sozialen, kulturellen) Konsequenzen. Dieses Dilemma verstehen wir noch gar nicht als Dilemma.
Und wären ‚Hilfsorganisationen‘ da, die auf dieses Dilemma hindeuten, wären Podiumsdiskussionen, Stiftungen, Jugendbewegungen und mediale Darstellungen dieser zentralen Problematik vorhanden, dann wäre es nicht der Rede wert, an Spendensammelständen für Kinder, für Naturschutz, für Katzen, für sonst wen und was eine Diskussion über diesen Kontext anzufangen. Solange das der Normalzustand ist und wir lieber in dem bereits gammligen Amnion mit dem darin vergessenen Menschen bleiben, anstatt den Menschen endlich zu gebären (Amniongleichnis), sind solche Diskussionen durchaus angebracht und lohnenswert. Vor allem, wenn ein junger Philosoph schon „den ganzen Tag auf mich gewartet hat“.

Gestern hatte ich eine ähnliche Begegnung – eine Organisation vertreten durch eine jungen Dame bittet um Spenden für Kinder – natürlich über einen Einziehungsauftrag – ganz bequem.
Ich schlug vor, eine einmalige Spende zu leisten – in bar.
Sie meinte, Bargeld würde(n) Sie nicht annehmen – es sei denn, ich würde Ihr/Ihnen ein Mittagsessen zahlen wollen.
Entschieden – ich gab Ihr kurz entschlossen 10.- EUR und versicherte Ihr, dass ich durchaus sozial engagiert bin.
Mit einem Lächeln verabschiedeten wir uns.
Ohne vertragliche Verpflichtungen zur Aufrechterhaltung des Drama-Dreieckes und der Narrative samt Stiftungen.
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Besser ist das. 😊
ja, da verdienen die jungen Leute meist gutes Geld, wenn ein Dauerauftrag mit entsprechendem Betrag kommt. Es ist also – was viele nicht wissen – ein lukrativer Job. Ob man die Welt dadurch wirklich besser macht, ist eine andere Frage. Aber, wie ich geschrieben habe, ist die eigene Tat diesbezüglich ja eben eine ganz individuelle Entscheidung. Die Frage ist eher, ob man über den größeren Kontext nachdenken will oder nicht. Im Sinne des Humanismus wäre es durchaus angebracht, das nachdenken. Aber wenn es ein Ichloser-Humanimus ist… ja, dann vielleicht auch nicht.