Homoe Technicus: Diese Abschlussarbeit für B.A. Bildungswissenschaften untersucht, inwiefern moderne Bildungsansätze – verstanden als Kompetenzorientierung, lebenslanges Lernen und Digitalisierung als Bildungsansatz – im deutschsprachigen Bildungsdiskurs von 2001–2025 (mit EU- Bezügen) zur techno-ökonomischen Verzweckung des Menschen beitragen oder ihr entgegen wirken:
HOMO TECHNICUS – Moderne Bildungsansätze und techno-ökonomische Verzweckung (https://sozialekunst.eu/HOMO_TECHNICUS-Moderne_Bildungsansätze_und_techno-ökonomische_Verzweckung_Kavaliou2026.pdf)
Die dazugehörige Präsentation (https://sozialekunst.eu/HOMO_TECHNICUS-Moderne_Bildungsansaetze_und_techno-ökonomische_Verzweckung_Kavaliou2026_Präsentation.pdf)
Aus dem Inhalt:
„Die Gesellschaft befindet sich in einer rasanten, von der technischen Beschleunigung angeleiteten Entwicklung. Dieser Prozess zieht zwangsläufig die Beschleunigung des sozialen Wandels und des Lebenstempos nach sich (Rosa, 2016, S. 247 ff.). Hartmut Rosa (2016) bezeichnet diesen Zusammenhang als den Akzelerations- oder Beschleunigungszirkel (S. 243 ff., 472). Die moderne Technik und ihre digitalen Strukturen sind derart dominant mit unserem Alltagsleben vernetzt, dass zwar die praktische Umsetzung ausgiebig diskutiert wird, die Frage nach den damit verbundenen Zwecken und der Nützlichkeit für die Verwirklichung humaner Ziele bleibt aber weitgehend ausgeblendet (Becker, 2019, S. 15). Die gesamtgesellschaftliche Wandlung hin zu einer digitalen Transformation wird oft als alternativlos dargestellt (Bär, 2020, S. XIV; BMBF, 2018, S. 16 f.; Kämpf et al., 2024, S. 2; Schwab & Malleret, 2020, S. 177 ff.). Dabei geht es um eine größtmögliche „Entstofflichung“ aller gesellschaftlichen Bereiche, bei der Dinge, Bedürfnisse und Handlungen in Daten verwandelt werden sollen (Rolf, 2020, S. 374). Es kann demnach von einer dominierenden perspektivischen Verengung gesprochen werden, die das Verständnis vom Menschen und seinem sozialen Raum auf digitale Technologie und digitale Technik reduziert. Die Basis für diese Technisierung humaner Lebensbereiche liefert die Computertechnologie, bei der der Computer als „defining technology“ fungiert (Bolter, 1984, S. 11) und somit den Blick auf die Gesellschaft eigenen Logiken unterwirft. Eine recht bekannte und wissenschaftlich weitreichend analysierte Blickverengung, aus der heraus möglichst alle sozialen Bereiche interpretiert und beurteilt werden, ist die Reduktion des Menschen und seiner Lebensbereiche auf die Ökonomie in dem Begriff des homo oeconomicus (Krause, 2007, S. 4 ff.). Die vorliegende Arbeit verwendet den Begriff homo technicus, um das Grundprinzip einer Blickverengung und einseitiger Interpretation humaner Lebensbereiche – in dem Fall durch die Brille der Technikwissenschaften (Krause, 2007, S. 3) – zu verdeutlichen.
Dieser alternativlos erscheinende Technisierungstrend ergreift auch den Bereich der Bildung und die damit verbundenen Institutionen. 2018 wurde durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Förderschwerpunkt „Digitalisierung im Bildungsbereich“ eingerichtet (BMBF, 2018, S. 16 f.). Ein Jahr später ebnete eine Grundgesetzreform den Weg für den „Digitalpakt Schule“, mit dessen ökonomischer Hilfe die „Leistungsfähigkeit der digitalen kommunalen Bildungsinfrastruktur“ gesteigert werden soll (Scheller, 2019, S. 11). Da vor allem die Schule in einer ihrer Funktionen das bestehende Selbstverständnis und Herrschaftsverhältnis einer Gesellschaft reproduziert (Fend, 2022, S. 168), ist eine tragende Implementierung von Bildungstechnologien im Bildungswesen (Niegemann & Weinberger, 2020, S. 3 ff.; Kap. 3.2) mit weitreichenden Konsequenzen verbunden. Die bisher suggerierte Alternativlosigkeit der digitalen Transformation kann somit an die Stelle transportiert und dort verankert sowie stets reproduziert werden, wo Menschen ihre Anlagen zum Selbst- und Weltverständnis bilden. Diese Arbeit untersucht die sich daran anschließende Frage:
Inwiefern tragen moderne Bildungsansätze – verstanden als Kompetenzorientierung, lebenslanges Lernen und Digitalisierung als Bildungsansatz – im deutschsprachigen Bildungsdiskurs von 2001–2025 (mit EU-Bezügen) zur techno-ökonomischen Verzweckung des Menschen bei oder wirken ihr entgegen?
Der methodische Rahmen der Arbeit basiert auf einer theoriegeleiteten Dokumenten- und Literaturanalyse und umfasst die Bildungsbereiche Kita, Schule, Hochschule und Erwachsenenbildung, mit Schwerpunkt auf der Schulbildung. Aufgrund der nötigen Eingrenzung bleiben Bildung für nachhaltige Entwicklung (KMK, 2024d, S. 2; UNESCO, n.d.-a) und Inklusive Bildung (BMFTR, n.d.; UNESCO, n.d.-b) als weitere Beispiele moderner Bildungsansätze außerhalb des Untersuchungsrahmens; die Nennung erfolgt exemplarisch und nicht abschließend. In Anlehnung an Fends Ebenenmodell (2008) werden vor allem Zusammenhänge bildungspolitischer Diskurse auf der Makroebene sowie institutionelle Umsetzung auf der Mesoebene der Bildung untersucht. Die Mikroebene wird lediglich kontextuell aufgegriffen, ohne vertiefte Unterrichtsanalyse. Auch wenn die Ansätze des lebenslangen Lernens und der Kompetenzorientierung bereits im 20. Jahrhundert angestoßen wurden, liegt der Analyseschwerpunkt dieser Arbeit auf dem genannten Zeitraum.
Zunächst wird in Kapitel 2 der technische Fortschritt als die ubiquitäre Basis moderner Gesellschaft erläutert und das kybernetische Menschenbild als Verbindungsglied zwischen der technologischen Praxis und der menschlichen Selbstdefinition herausgearbeitet. Um die Frage nach der Verzweckung im Kontext der Forschungsfrage behandeln zu können, wird im ersten Schritt (Kap. 3) das Verständnis der Bildung und des Humanismus im geschichtlichen Umriss dargestellt, in den technologischen Kontext gesetzt und in dem Begriff der humanistischen Bildung synthetisiert. Im zweiten Schritt (Kap. 4) erfolgt die Annäherung an eine Definition des Menschenbildes und seine möglichen Reduktionen auf funktionale Bereiche sozialer Teilsysteme (z. B. ökonomische, technische, medizinische). Durch die anschließende Darstellung (Kap. 5) und Diskussion von Risiken und Chancen (Kap. 6) ausgewählter moderner Bildungsansätze soll anhand von drei herausgearbeiteten Bewertungsdimensionen – Ziel, Subjektbild und Technikrolle – geklärt werden, inwiefern bezüglich dieser Ansätze von einer techno-ökonomischen Verzweckung des Menschen gesprochen werden kann.“
