Du betrachtest gerade Amniongleichnis – raus aus der Matrix: der verlorene Mensch

Amniongleichnis – raus aus der Matrix: der verlorene Mensch

„Du nimmst die blaue Pille – die Geschichte endet, du wachst in deinem Bett auf und glaubst, was du auch immer glauben willst. Du nimmst die rote Pille – du bleibst im Wunderland und ich zeige dir, wie tief der Kaninchenbau geht“ (Morpheus, 1999, The Matrix).

Verschwindet die Technik oder der Mensch?

Bereits 1991 schrieb die IT-Legende Mark Weiser in seinem Buch „The Computer for the 21st Century“ über das ubiquitäre (allgegenwärtige) Computing, welches zu einem der Leitsterne des Silicon Valley wurde. „Die einschneidendsten Technologien sind die, die verschwinden. Sie verquicken sich mit dem Gewebe unseres Alltags, bis sie von diesem nicht mehr zu unterscheiden sind“ (zit. n. Zuboff, 2018, „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“, S. 232). Auf diese Idee bezog sich der geopolitische IT-Gigant Eric Schmidt 2015 als er auf dem WEF davon sprach, wie die digitale Technik den menschlichen Raum und Körper so allgegenwärtig durchdringen wird, dass sie als solche nicht mehr wahrgenommen werden kann. Das Verschwinden bedeutet also nicht zwangsläufig ein ‚Nicht-mehr-vorhanden-sein‘, sondern es kann bedeuten – die extraordinären Merkmale der bisherigen uns auffallenden Form verschmelzen so mit der Umgebung (bzw. die Umgebung mit ihnen), dass sie nicht mehr aus ihr als etwas Gesondertes herausragen. Das Konzept ist einerseits aus der Tarnungstechnik bekannt, andererseits aus der Wirtschaft (Fusion), Soziologie (Assimilation) und anderen Wissenschaftsbereichen. Beim Tarnen passt sich der Fremdköper so der Umgebung an, dass er nicht wahrnehmbar wird. Bei einer Assimilation oder Fusion gehen zwei (oder mehr) Bereiche in einer neuen Homogenität auf (meist ist hier das Prinzip der Dominanz relevant). Im Falle von zunehmend verschwindenden digitalen Technologien treffen beide Definitionen (Tarnung und Verschmelzung zur Homegenität) zu. Diese Technologien bzw. ihre technischen Produkte tarnen sich, weil sie durch Usability, niedrige Schwellen, Unauffälligkeit etc. besser akzeptiert werden. Doch kann man wirklich davon sprechen, dass sie mit der Umgebung „verquicken“ oder „verquickt“ eher die Umgebung mit digitalen Geräten?

Ich greife etwas vor und gehe im weiteren Prozess genauer darauf ein. Beim nüchternen Betrachten – ohne romantischer, aber sinnentleerter Begriffe, die das Wort Mensch noch in sich tragen – ist das mit Abstand dominierende Verständnis dessen, was Mensch und seine Umgebung ist – eine elektro-chemische Maschine, die auf Reize reagiert und sich entsprechend anpasst. Im materialistisch geprägten transhumanistischen und kybernetischen Sinne ist der Mensch demnach technisch definiert oder, härter gesagt, nach technisch-materialistischen Prinzipien determiniert (bestimmt). Es ist also nicht die digitale Technik, die sich der menschlichen Umgebung und dem Menschen anpasst, sondern andersherum – das Selbstverständnis menschlicher Umgebung und menschlicher Definition wird technischen Logiken unterworfen. Es verschwindet also nicht die Technik, wie die IT-Führer uns suggerieren, sondern es verschwindet der Mensch innerhalb einer immer technischer werdenen Umgebung. Wenn also eine andere als technisch-materialistische Definition vom Menschen anerkannt werden darf, kann eher die Rede vom Verschwinden des Menschen und nicht vom Verschwinden der Technik zutreffen. Der Mensch, zumindest mit seiner nicht auf technisch-materialistische Logiken reduzierten Charakterisierung, geht verloren oder ist bereits verloren gegangen. Wir haben uns an die vorherrschenden Logiken des materialistischen Technologiezeitgeistes und ihrer Vorzüge so sehr gewöhnt, dass wir den Verlust nicht einmal gemerkt haben.

Kernproblem: der verlorene Mensch

Wer meine Darstellungen kennt, mag an dieser Stelle ausrufen: „Nicht schon wieder dieses ‚Kernproblem‘! Hast du kein anderes Thema?! Du beschreibst doch fortwährend immer das Gleiche! Der ‚verlorene Mensch‘ ist doch nicht das einzige Problem unserer Zeit! Was ist mit Klimawandel, Kriegen, Welthunger, Trump und Putin, der verlorenen Demokratie (auch im Westen), dem erwähnten Transhumanismus und der KI-Entwicklung? Diese Gefahren drohen unmittelbar die Menschheit zu zerstören. Da kann man doch nicht die Zeit mit Philosophie verschwenden!“

  1. Ganz richtig, ich habe an sich kein anderes Thema. Das, worüber ich schreibe und gelegentlich spreche ist mehr oder weniger aus verschiedenen Blickwinkeln und in verschiedenen Kontexten immer das gleiche Thema – der verlorene Mensch, der entweder wiedergefunden wird oder unbewusst individuell und kollektiv beerdigt wird (mit entsprechend drastischen Folgen für die Menschheit).
  2. Und doch, das, was man aufgrund der angeblichen Alltagsferne abfällig Philosophie nennt, bildet die wirkliche Basis für jegliche Gesellschaftspraxis. Dabei meine ich nicht irgendeine Gelehrtenphilosophie, sondern das Denken, die Kultur des Denkens an sich. Jeder Schrei nach schnellen Taten vergisst gerne, dass den Taten stets Ideen und Willensimpulse vorausgehen. Reflektieren wir die Ideen nicht, die wir zum Aufbau unserer selbstverständlich erscheinenden Gesellschaftspraxis entfalten, ernten wir nur die bisher unreflektierten Konsequenzen dieser Ideen (mehr dazu: https://sozialekunst.eu/2023/04/19/lebenspraxis-der-erkenntnistheorie-teil-1/).
  3. Der verlorene Mensch mag zwar nicht das einzige Problem unserer Zeit sein, doch beinahe alle gesellschaftlichen Zeitphänomene / Probleme stellen lediglich sekundäre, als Begleiterscheinungen, als Symptome auftretende Vorgänge dar. Diese sekundären Vorgänge stehen mit dem Kernproblem, mit der Dehumanisierung der Idee „Mensch“, mit dem verlorenen Menschen im mittelbaren oder unmittelbaren Zusammenhang. Eine empirische Untersuchung dazu ist mir nicht bekannt (vielleicht fühlt sich jemand dazu berufen eine durchzuführen?). Es bleibt erst einmal eine steile These meinerseits, die ich im weiteren Verlauf ansatzweise zu erörtern versuche.
  4. In einigen Diskussionen im Rahmen der Darstellung dieses Kernproblems stieß ich beinahe durchgehend auf eine schiere Unmöglichkeit es verständlich zu machen. Es mag natürlich an meiner Unfähigkeit gelegen haben, das Problem griffig und konkret genug zu erklären (zum Teil trifft es auch sicher zu). Doch ich vermute ein anderes Phänomen dahinter. Dieses Kernproblem ‚der verlorene Mensch‘ ist mittlerweile (vor allem über die letzten 100 Jahre) so subtil geworden, dass es uns gar nicht mehr als Problem griffig genug erscheinen kann. Wir schwimmen wie ein Fötus im Wasser (des Kernproblems) und können uns des Wassers gar nicht mehr bewusst werden, weil es unsere gesamte individuelle und gesellschaftliche Selbstverständlichkeit ausmacht. Es bedarf einer großen geistigen Anstrengung, um es gedanklich als Idee nachzubilden und genau zu betrachten. Trotz des drohenden Schockzustandes müssten wir uns aus diesem Wasser komplett herausheben, die Geburt aus der umgebenden Fruchtblase einleiten und das gewohnte Wasser, welches uns bisher genährt (und mittlerweile vergiftet) hat, verlassen. Zwischen dem Reiz der gewohnten Umgebung und unserer beinahe automatisierten Reaktion, die sich in an den Reiz angepassten Denk-, Gefühls- und Willensgewohnheiten äußert, müssen wir einen Bildungsprozess einschieben, der das Reiz-Reaktions-Muster irritiert und zur Bewusstwerdung führt.
  5. Je mehr Zeit vergeht, ohne Bewusstwerdung dieser Problematik, desto selbstverständlicher, normaler, natürlicher wird die Realität hinter dem erwähnten ‚Kernproblem‘, die uns dann immer weniger (noch weniger als bereits jetzt) als Problem bewusst werden kann. Das vergiftete Wasser versetzt uns zunehmend in einen immer tieferen Schlaf. Gleichzeitig bleibt die Hoffnung, dass die in naher Zukunft für viele Menschen unerträglich gewordenen gesellschaftlichen Zustände und das aufrüttelnde individuelle Erleben zumindest eine gewisse Anzahl an Menschen dazu bewegen werden, sich mit dem dann immer weiter kontrastierenden und wachsenden Kernproblem ernsthaft zu beschäftigen.

Mäeutischer Prozess – das Amniongleichnis

Wir müssen also das Kind gebären, bevor es im Vergiftungsschlaf eingeht. Wir müssen uns als Menschen gebären, da wir zwar der Anlage nach Menschen sind, die Anlage alleine entscheidet aber nicht darüber, ob sie auch Früchte trägt. Die Verantwortung liegt also ganz zentral beim jeweiligen Individuum. Das ‚Muss‘ bezieht sich natürlich lediglich auf den Lebens- und Entwicklungswillen eines humanistischen Menschenbildes, welches am Ende dieser Ausführungen angedeutet wird.

Die Mäeutik ist im sokratschen Sinne (bzw. im Sinne seiner Mutter, die eine Hebamme war) die geistige ‚Hebammenkunst‘, mit der ein nach Erkenntnis Strebender durch Fragen zur eigen errungenen Erkenntnis geführt wird. Ich will an dieser Stelle an dem griechischen Erbe anschließen und den Begriff der Mäeutik erweitern. Ein nach Erkenntnis Strebender kann nicht nur durch an ihn gestellte Fragen zur eigenen Erkenntnis kommen, sondern auch durch das möglichst konsequente und kritische Mitdenken fremder Gedankengänge. So, dass diese Gedanken zu eigenen Gedanken werden, weil sie für einen selbst folgerichtig, zutreffend sind (oder nicht, dann sollen sie verworfen werden). So, dass diese Gedanken aus freien Stücken auch von einem anderen als eigene Gedanken gedacht werden können. Die Gedanken werden also nicht einfach wie Fremdkörper übernommen, sondern geistig eigenständig durchdacht, nachgebildet. Sie erscheinen dann nach diesem Internalisierungs- und Umwandlungsprozess als eigene Gedanken wieder. Oder, anders gesagt, der Erkennende baut einen eigenständigen, individualisierten Weg zu gleichen Gedanken und findet sich somit in dem gleichen geistigen ‚Raum‘ mit dem Vordenker wieder.

Selbstverständlich kann an dieser Stelle die Illusion selbst gebildeter Gedanken auftreten, die in Wirklichkeit als undurchdachte, leere Konstrukte aufgrund der Sympathie, Eile oder Denkfaulheit übernommen wurden. Doch so wie jeder Geburtsvorgang mit entsprechenden Gefahren verbunden ist, soll auch diese Gefahr der eigenen Selbstreflexion überlassen werden. Einem Kind kann keine Selbstreflexion abverlangt werden. Bei einem Erwachsenen und seiner zweiten, nennen wir sie geistigen Geburt ist die Selbstreflexion geradezu Voraussetzung. Diese geistige Geburt findet also nicht durch jemanden ‚von außen‘ statt. ‚Das Kind‘ (der schlafende Erwachsene) muss sich seiner Umgebung in der Fruchtblase (Amnion) Schicht für Schicht bewusst werden, um eine Idee davon zu bilden, inwiefern diese Fruchtblase ausgedient hat und ihn mittlerweile krank macht. Als Folge dieser Anamnese und Diagnose seiner selbstverständlichen nährenden, aber kranken Umgebung stellt sich der Therapieprozess ein, in dem der sich Gebärende den Ausgang bzw. den Eingang zu dem findet, was seine Entwicklung als Mensch einleitet.

Diese Metapher ist nicht neu. Sie nimmt die Platonsche Paideia auf und wendet sie auf die moderne Not an. Wenn das Höhlengleichnis als eine Art Makroperspektive (Mensch und Wahrheit) auf das Erkennen der Wahrheit hinter allen Erscheinungen und als Mahnung für die Zukunft an die von der geistigen Wirklichkeit sich scheidende Menschheit verstanden werden kann (man betrachte die darauffolgenden 2300 Jahre und die Entfaltung materialistischer Selbstverständlichkeit), so will das Amniongleichnis – aus der Mesoperspektive (Mensch und Gesellschaft / Mikroperspektive wäre Mensch in sich) – trotz des ebenfalls vorhandenen Mahncharakters, vor allem an die Dringlichkeit der geistigen Geburt appelieren.

Im Mitdenken erhoffe ich Mitstreiter zu finden, die diese Idee für sich stehend, aus sich heraus betrachten können. Letztendlich ist es das Denken, in welchem wir uns aus Freiheit heraus durch geistige Anstrengung begegnen können. Lassen Sie uns das Kind, uns selbst als Menschen in dieser menschenfeindlichen, aber um so entscheidenden Zeit gebären. Die Wehen sind längst da.

Gesellschaftliche Nöte als Symptome im Amniongleichnis

1. Erkenntnisschicht: Kulturprobleme (gesellschaftliche Nöte)

Die erste Erkenntnisschicht im Amniongleichnis, die wir wahrnehmend und denkend in der Fruchtblase betrachten können, ist die Oberflächenschicht der Kulturprobleme bzw. gesellschaftlicher Nöte (mehr oder weniger existenzielle Kritik an bestimmten gesellschaftlichen Erscheinungen), die eher kollektiv erlebt wird. Es wird nicht möglich sein, solche Nöte annähernd vollständig aufzuzählen, aber es sollen die bekanntesten unter ihnen in diesem Kontext erwähnt werden.

  • Klimazerstörung
  • Ausbeutung und maßloser Konsum
  • Tierleid
  • Genderthematik
  • System-Gefährder (Nazis, Verschwörungstheoretiker, Fake-News-Verbreiter etc.)
  • Migration
  • Schein-Demokratie / Überwachungsstaat / Corona-Politik und ihre möglichen Nachfolger
  • Cancel-Culture
  • ‚Lügenpresse‘
  • Paradigmenwechsel im Bildungssystem zur Kompetenzorientierung
  • Digitalisierung / Transhumanismus / Technokratie / KI-Entwicklung
  • ‚Great Reset‘

Diese aufgezählten Nöte oder Kulturprobleme treten als Symptome, sekundäre Erscheinungen im Kontext des Kernproblems (der verlorene Mensch) auf. Die Beschäftigung mit Ihnen und die Suche nach entsprechenden Lösungen soll nicht kritisiert werden. Jede Not hat ihre Berechtigung und sollte genauer betrachtet werden. Wer sich berufen fühlt in entsprechenden Bereichen seinen Beitrag zu leisten, soll hier ebenfalls nicht in Kritik geraten. Es soll hier darum gehen, diese Nöte in den Kontext des charakterisierten Kernproblems zu stellen. Es wird auch nicht behauptet, dass diese Erscheinungen ausschließlich im Kontext des Kernproblems betrachtbar sind.

Wie können diese Nöte also im Kontext des Kernproblems betrachtet werden? Um diese Kontextualisierung zu stützen greife ich auf das erst in der 2. Erkenntnisschicht näher erklärte kybernetische Menschenbild und auf die in der 3. Erkenntnisschicht erläuterte Reduktion des Menschenbildes zu.

  • Schein-Demokratie, Überwachung, restriktive Politik mit Cancel-Culture, System-Gefährdern und einer Presse, die nicht der Informationsverbreitung dient, sondern Machtinteressen vertritt und die Öffentlichkeit bestimmt, Digitalisierung, Kompetenzorientierung, Transhumanismus, Technokratie, KI-Entwicklung, ‚Great Reset‘ bilden logische Konsequenzen eines materialistischen, kybernetischen und ökonomischen Menschenbildes, welches den Menschen als Ressource zur Verwaltung freigibt. Derartiges Menschenbild rechnet nicht mit einem freien Willen, geschweige denn Seele und Geist. Ein materialistisches, kybernetisches und ökonomisches Menschenbild bzw. eine Reduktion des Menschenbildes auf diese Teilbereiche der Gesellschaft führt demnach zwangsläufig zu den genannten Erscheinungen. Sie sind keine für sich stehenden Erscheinungen, sondern Folgen, Symptome, sekundäre Erscheinungen (mehr dazu: https://sozialekunst.eu/2022/03/07/smart-living/ und https://sozialekunst.eu/2021/07/23/materialismus/ und https://sozialekunst.eu/2021/09/30/handlungsorientierung/)
  • Ausbeutung, maßloser Konsum, Klimazerstörung, Tierleid, Migration sind die logischen Folgen des ökonomisch reduzierten Menschenbildes (homo oeconomicus). Der Mensch wird als ökonomische Ressource betrachtet und entsprechend stimuliert, verwaltet und eingesetzt. Die Wirklichkeit dieses Menschenbildes äußert sich auch in der entsprechenden Verwaltung der Umgebung (Natur, Tiere etc.).
  • Die Entgrenzung des Geschlechtsverständnisses (Geschlecht durch Identifikation, Auflösung von Geschlechtsdualität) ist ein auf Sexualität und romantische Liebe reduziertes Streben nach dem rein Menschlichen. Ein Menschenbild, welches auf das Geschlecht reduziert wird, also ein geschlechtsreduziertes Menschenbild (homo sexualis) und die Sehnsucht nach der Überwindung der Reduktion erzeugen ein Gegenbild geschlechtlicher Entgrenzung. Bei einem seelisch-geistigen Aufgreifen der genannten Reduktion, würde man im Sinne ihrer Überwindung auf den Menschen an sich kommen und die Sexualität verlassen bzw. in dem Kontext als irrelevant betrachten. Man hätte ein Menschenbild vor sich, welches über die sexuellen Unterschiede hinausgeht und im Seelisch-Geistigen das verbindende Menschliche an sich findet.

Es ist in diesem Rahmen nicht möglich eine kausale Verbindung zwischen dem reduktionistischen Menschenbild und den erwähnten Nöten in der Tiefe nachzuweisen. Mir geht es jedoch lediglich darum, die Idee dieser Reduktion mit der Tragweite ihrer Symptome, Folgeerscheinungen (gesellschaftlichen Nöten) in den Grundzügen verständlich zu machen. Ich hoffe, dieser Grundgedanke ist nachvollziehbar.

Hinter den oft so dringlich erscheinenden symptomatischen Nöten kollektiver Wahrnehmung (meist erst kollektiv durch mediales Agendasetting und Framing, Stichwort: Herstellung der Öffentlichkeit) steht demnach eine nicht als solche wahrgenommene Urnot, das Kernproblem unserer Zeiterscheinung – der aus dem Verständnis des wahrhaft Humanen verlorene Mensch. Unser (post)moderne Begriff vom Menschen beinhaltet lediglich Reduktionen und Zerrbilder dessen, was den Menschen ausmacht.

Der Erkenntniswille gegenüber den wahrgenommenen gesellschaftlichen Nöten führt uns also zwangsläufig in die tieferen, darunter liegenden Erkenntnisschichten. Das Durchdringen dieser weiteren Erkenntnisschichten, die unter der Oberfläche der Symptome liegen, bildet die Anamnese und Diagnose der Gesellschaft. Aus welchen Zuständen, Ideen und Wirklichkeiten kommen die beispielhaft beschriebenen Symptome gesellschaftlicher Nöte hervor?

Anamnese und Diagnose der Gesellschaft im Amniongleichnis

2. Erkenntnisschicht: kultureller Zeitgeist (technokratischer Kapitalismus)

Das Erleben der Symptome und die Andeutung ihrer Hintergründe reicht noch nicht aus, um eine Periagoge (Umwendung), eine Abkehr von der bisher gewohnten Sicht einzuleiten, die zur geistigen Geburt führt. Der tiefere Blick hinter die symptomatischen Kulturprobleme führt uns zu der zweiten Erkenntnisschicht, die die Grundsubstanz für die Oberfläche bietet. Sie kann im Sinne des aktuellen kulturellen Zeitgeistes als eine Verschmelzung von Kapitalismus und Technokratie betrachtet werden, eine Regierungsvorstellung, die die Wissenschaft und technologische Entwicklung ins Zentrum ihrer Überzeugungen stellt. Die wohl meist bekannte Reduktion des Menschenbildes auf den homo oeconomicus erfährt hier die Ergänzung im homo technicus.

Außer der Idee des Kapitalismus, der aufgrund seiner Bekanntheit nicht weiter erklärt werden muss, walten in dieser Schicht die Ideen der Kybernetik aus den 1940er und 50er Jahren (Analogie zwischen Computer und Mensch), die bis heute – teils subtil, teils offensichtlich – unsere Vorstellungen vom Menschen, von Bildung und Therapie bestimmen. Ihre Grundideen wurden bis zur Gegenwart immer weiter verfestigt, konkretisiert und praktisch tief in der Gesellschaft verankert; mit Hilfe von damals bereits vorhandenen behavioristischen Theorien (kognitive Prozesse sind eine Blackbox, der Mensch ein Input-Output-System, https://sozialekunst.eu/2022/03/02/zeitalter_des_behaviorismus/), Kognitionswissenschaften (Computer als Modell für kognitive Prozesse), Systemtheorie (Mensch ist ein selbstverwaltetes System, welches auf Störungen reagiert und sich anpasst), radikalem Konstruktivismus (Wissen dient nur der Anpassung an die Umwelt, Erkenntnis ist nur subjektiv konstruiert) und letztendlich mit dem Triumph des Funktionalismus, der die Basis für die KI-Entwicklung lieferte (das Bewusstsein braucht keine biologische Basis und kann in synthetischen funktionalen Systemen zum Ausdruck gebracht werden).

Dazu ein Auszug aus meiner Abschlussarbeit:

Im Lichte des technischen Fortschritts lässt sich ein kybernetisches Menschenbild ableiten, das den technisierten, nicht biologistischen Menschen als ein messbares, steuerbares, selbstreguliertes und optimierbares, auf zweckmäßige Passung und Problemlösung ausgerichtetes Input-Output-System mit Rückkopplungen betrachtet. Innerhalb dieser Logik soll der Erkenntnisgewinn über das Subjekt und sein Handeln in der Welt durch Aggregation von Daten, Vergleich mit Sollwerten und Feedback gesteigert werden, um gegebenenfalls mittels Steuerungsmechanismen bestimmte Ziele zu erreichen.

Die ideologische Konzentration auf den technischen Fortschritt und seine kapitalistische Grundlage, die uns durch maßlose Bequemlichkeit bestechen (Stichwort: Fahrstuhleffekt und ChatGPT), durchtränken unsere gesellschaftliche Wirklichkeit. Ihre Leitgedanken und Überzeugungen werden selten explizit, ohne schöne Umkleidungen und Verschleierungen genannt. Nur der möglichst schonungslose Blick auf diese, unsere Gesellschaftsgrundlage kann aber die Tragweite dieser menschenfeindlichen Sicht erkennen.

3. Erkenntnisschicht: Menschenbild (Dehumanisierung)

homo absconditus vs. seine Reduktion

Ein noch tieferer Blick hinter das waltende kapitalistisch-kybernetische Menschenbild führt uns in die nächste Erkenntnisschicht, in der die bereits erwähnte Reduktion des Menschenbildes bzw. die Frage nach dem Menschenbild selbst beheimatet ist. Dieser Blick führt uns tiefer in der Bewusstwerdung der uns umgebenden und uns bisher gewohnten und deswegen nicht charaketrisierbaren Fruchtwassers des Amniongleichnisses. In dieser Erkenntnisschicht waltet die Dehumanisierung, die Entmenschlichung, die sich entsprechend in den über ihr liegenden Schichten symptomatisch auswirkt. Um den Begriff der Reduktion des Menschenbildes verständlicher zu machen, soll hier der Begriff homo absconditus eingeführt werden:

Aufgrund der nicht eindeutig bestimmbaren Qualitäten des Begriffs ‚Mensch‘, die je nach spezifischen Anforderungen und Blickwinkeln von verschiedenen Seiten charakterisiert werden können, wird der Mensch innerhalb der pädagogischen Anthropologie als homo absconditus (verborgenes Wesen) bezeichnet. Diese Unbestimmbarkeit verdankt er der Fähigkeit sich selbst stets anders verstehen und bestimmen zu können. Bereits seit der frühen Neuzeit ist laut Giovanni Pico della Mirandola die zentrale Aufgabe des Menschen seine Selbstbestimmung in einem Raum von Fremdbestimmungen.

Wenn bestimmte dominierende Gesellschaftsbereiche beziehungsweise wissenschaftliche Disziplinen sich universalisieren und ihr Menschenbild, ob explizit oder implizit, als konstitutiv und richtungsweisend für die Gesamtgesellschaft verstehen (homo oeconomicus, homo technicus, homo juridictus, homo educantus, homo immunis etc.) soll hier von einer Reduktion oder Dehumanisierung des Menschenbildes gesprochen werden.

Abtreibung des noch ungeborenen, weil unverstandenen Menschen

Die erwähnte Reduktion des Menschenbildes auf das Ökonomische, Technische, Funktionale (verzweckende) etc. tritt in dieser Erkenntnisschicht in Erscheinung mit Humanpessimismus auf (der Mensch ist schlimmer als ein Tier, nicht intelligent und ethisch genug, viel zu bösartig und egoistisch), mit kaschiertem Menschenhass (Menschen gehören ausgerottet, wenn sie durch Klimawandel aussterben ist es besser für den Planeten, man muss die Menschen möglichst hart zum Guten zwingen) und letztendlich mit Posthumanismus (Mensch wird technisch ‚überwunden‘, Technik leitet eine neue Evolutionsstufe ein, bei der der Mensch nur eine minderwertige, ineffiziente Zwischenstufe darstellt). Der Mensch wird hier mit dem dreckigen Bade seiner Unzulänglichkeiten und falsch verstandener Menschlichkeit noch unverstanden und ungeboren ausgeschüttet. Um im Amniongleichnis zu bleiben, wird er abgetrieben, bevor er sich selbst im Prozess seiner Individuation geistig verstehen, gebären und erleben kann. Der Keim seiner Entwicklung wird erstickt.

Der Grad der Gewöhnung an diesen Humanpessimismus und subtilen Menschenhass ist erschreckend hoch. Wenn Pico della Mirandola in seiner posthum veröffentlichten Rede „Über die Würde des Menschen“ vom Menschen als vom magnum miraculum (großes Wunder) spricht – einem Wesen, welches sich frei entwickeln kann und wie nichts anderes bewundernswert ist – kommt es einem heute, nach der Zeit des gescheiterten Humanimus, als ein naiver Traum weltfremder Philosophie vor. Dabei wird gerne vergessen, dass man selbst zur ‚Menschengattung‘ gehört. Der Pessimismus, der Hass, das Desinteresse am menschlichen Wesen gelten stets auch einem selbst.

Wenn an diesem Punkt keine Erschütterung, kein ‚Aha-Effekt‘ kommt, der die Tragweite dieser Problematik zumindest in ihren Grundzügen vor einen stellt, dann ist es nur bedingt sinnvoll weiter zu lesen. Dann reicht einem das reduktionistische und pessimistische Menschenbild. Man ist zufrieden oder hat sich zumindest damit abgefunden, dass der Mensch ein unbedeutender Teil eines großen Ganzen ist. Dann will man ihn endlich zugunsten einer als ‚höher‘ herbeiphantasierten technischen Entwicklung hinter sich lassen.

Vielleicht sagt man sich auch: „Ich habe aber solch ein Menschenbild nicht!“ Ist dieses Menschenbild, welches man hat, aber wirklich substanziell unterschiedlich von dem, was unsere Gesellschaft und ihre Strukturen zur Zeit bestimmt? Oder trägt es doch Komponente in sich, die mit der etablierten Dehumanisierung ganz subtil übereinstimmen? Hat man je tief genug geschaut? Hat man das gewohnte Fruchtwasser, in welchem man seit physischer Geburt eingebettet ist, wirklich betrachtet? Life-Style-Esoterik, ein diffuses Gefühl vom ‚Menschlichen‘, religiöse Traditionen, Meditationen zur Steigerung des Wohlbefindens und ‚geistiger Kapazität‘, Reden von Energien und Feinstofflichkeit, Harmonieempfinden und andere Erscheinungen des modernen ’spirituellen Menschenbildes‘ durchbrechen sie wirklich die utilitaristische (zweckorientierte Ethik) und hedonistische (lustgeleitetes Leben) Ergänzung zum dehumanisierten Menschenbild?

Was ist der Mensch? Wollen wir es wissen?

Innerhalb dieser Erkenntnisschicht tobt demnach ein geistiger Kampf um die Deutung des Menschenbildes, um das, was der Mensch ist, sein und werden kann oder soll. Je nach Beantwortung dieser Frage, die nur jeder für sich entscheiden kann (hoffentlich nicht nach bloßer Übernahme dieser und jener Ansicht, sondern durch die ganz aktive Auseinandersetzung mit dieser Frage), werden meine Ausführungen als sinnvoll und relevant oder als subjektiv und unbedeutend erscheinen. Um den Begriff der Dehumanisierung anzuwenden, muss das Menschenbild geklärt werden. Was ist der Mensch und was ist er nicht? Wie ist der Mensch und wie ist er nicht? Ist der Mensch etwas oder wird er jemand? Ist er frei oder nicht? Wann ist er frei und wann nicht? Kann er frei sein oder frei werden? Ist der Mensch ein Tier oder ist ein Tier lediglich ein Teil des Menschen? Was ist der Geist? Was ist die Seele? Was ist das Ich? Ist alles nur elektro-chemische Auswirkung oder wie entsteht mein Erleben?

Wem diese Fragen zu unpraktisch erscheinen, zu ‚philosophisch‘, zu weit von der Alltagsrealität entfernt, den erinnere ich gerne an den Punkt 2 in dem zweiten Kapitel meiner Ausführungen: jegliche Handlungen im eigenen Alltag und dem Alltag der Gesellschaft – seien sie noch so klein oder groß – basieren auf Ideen (seien sie bewusst ergriffen oder unbewusst waltend). Ideen sind das, was wir begrifflich aus der Wahrnehmung der Welt und uns selbst zusammenfassen, um diese Wahrnehmung geistig zu ergänzen. Ob wir es bewusst oder unbewusst tun, ist für den Prozess nicht entscheidend. Für unsere menschliche Enwicklung ist die Bewusstheit unserer Taten aber von entscheidender Bedeutung. Sich also damit zu befassen, was ein Mensch ist, ist essenziell für unser Fortbestehen und Werden als Menschheit!

4. Erkenntnisschicht: Materialismus

Man könnte sich jetzt mit der letzten Erkenntnisschicht zufrieden geben. Die Erkenntnis über den verlorenen Menschen wurde recht konkret gegriffen. Doch es fehlen uns

  • der wirkende Grund dieses Verlustes (zentral nährendes Element, die Plazenta)
  • und ein humanistisches Gegenbild zum reduzierten, dehumanisierten Menschenbild (Geburtskanal, Geburtsrichtung)

Ohne den erfassten Grund und eine entsprechende Gegenrichtung können die krankhaften Verhältnisse nicht geändert, die Grundvoraussetzungen für die geistige Geburt nicht gelegt werden.

Die Plazenta

Wie kam es also dazu, dass der Begriff, die Idee vom Menschen derart auf funktionale Teilbereiche der Gesellschaft reduziert wurde und als Ganzes im humanistischen Sinne verschwunden ist? Um diese Frage zu beantworten, muss das gesucht werden, was all diese Erkenntnisschichten innerhalb der uns gewohnten Fruchtblase in einem einzigen Grundprinzip verbindet. Welche Gegen-Idee (in Bezug auf die Idee des Menschen), die uns unabhängig unserer individueller Prägungen nährt und gesellschaftlich, kollektiv bestimmt, kann eine derartige Tragweite haben?

Das Kantsche „Ding an sich“, welches uns nicht zugänglich ist, welches ‚da draußen‘ existiert, während wir ‚in uns drin‘ für immer subjektiv eingeschlossen sind – diese immer noch geltende Überzeugung, welche erkenntnistheoretisch trotz ihrer Größe erstaunlich unsauber aufgebaut war („Wahrheit und Wissenschaft“ und „Philosophie der Freiheit“ von Rudolf Steiner oder meine knappe Interpretation: https://sozialekunst.eu/2023/05/04/was-hat-kant-mit-unserer-sackgasse-zu-tun-teil-2/ und https://sozialekunst.eu/2023/05/16/rudolf-steiner-und-die-erkenntnistheorie-teil-3/), diese Überzeugung regiert unsere “materialistische Ideologie”. Als Idee bereits bei den griechischen Atomisten um Demokrit ins Leben gerufen, brach Materialismus seine Bahnen bis in die Gegenwart und kann heute in seiner mit Absolutheitsansprüchen durchdrungenen extremen Form als Hypermaterialismus bezeichnet werden.

Alles ist Materie in ihrer elektro-chemischen Ausprägung. An diese Überzeugung, die wir mittlerweile gesamtgesellschaftlich weitgehend als unhinterfragbarer Fakt oder zumindest als Paradigma betrachten, sind wir derart gewohnt, dass wir ihre wirkende theoretische und praktische Realität beinahe vollkommen ausblenden. Diese praktische Realität des Materialismus wirkt im kollektiven Unterbewusstsein, in dem das Individuum schlafend eingebetet ist. Menschen mit religiösen, esoterischen und allgemein spirituellen Überzeugungen mögen ihre Ansichten dagegen stellen und mit dieser Verallgemeinerung nicht einverstanden sein. Doch es kann nicht geleugnet werden, dass

  1. alle gesellschaftlichen, die Öffentlichkeit gestaltenden Realitäten – ob im sozialen, wirtschaftlichen, wissenschaftlichen Bereich oder im Erziehungs- und Bildungswesen – materialistische Überzeugungen zur Grundlage haben
  2. die vorhandenen scheinbar nicht materialistischen Bezüge wie Kirchenstrukturen, ‚Christentum‘ im Parteizusammenhang, Glaubensbezug im öffentlichen Raum lediglich leere Begriffshülsen, ein Gerippe lang überholter Ideen darstellen. Sie haben nicht mehr die ihnen zugeschriebene Substanz. Ihre Anwesenheit beruht lediglich auf Inkonsequenz zwischen Überzeugung und gesellschaftlicher Darstellung.
  3. auch das persönliche Erleben, welches von dem gesamtgesellschaftlichen (kulturellen) Zusammenhang sich unterscheiden mag, sehr subtil durch materialistische Weltanschauung geprägt ist (kybernetische und systemtheoretische Begriffe und Konzepte im psychologischen und spirituellen Bereich; Begriffe wie Feinstofflichkeit, die eine Verlängerung des Materialismus ins Esoterische darstellen)

Bevor die Zugehörigkeit des eigenen Denkens und Vorstellens zur materialistischen Ideologie geleugnet wird, lohnt es sich – aufgrund der sehr intensiven Grundprägung unserer Zeit und der Gewohnheit zum entsprechenden Fruchtwasser – die eigenen Überzeugungen, Begriffe und Vorstellungen genauer kritisch zu betrachten.

Folgt man der mit der ‚Muttermilch‘ aufgesogenen Wirklichkeit des Materialismus, entfaltet man seine Logiken und versteht die (post)moderne Kultur als eine folgerichtige Auswirkung, eine Frucht dieser Ideologie. Innerhalb des Materialismus kann es keine Seele, keinen Geist und auch kein Leben als solches geben; nicht als auf eigene Prinzipien basierende Idee, Erklärungsdimension, Charakterisierung, sondern lediglich als ein wesensgleicher Bereich elektro-chemischer Prozesse und ihrer Logiken. Die Bemühungen der Quantenmechanik, die so sehr von der modernen esoterischen Bewegung hervorgehoben werden, verlängern das gleiche Problem meist nur in eine diffuse und substanzlose Richtung. Das Messen und Beweisenwollen mit materialistischen Methoden erlaubt keinen Dimensionssprung, keinen Ausbruch aus der materialistischer Ideologie. Wer den Geist materialistisch beweisen will, begreift gar nicht, wie vollkommen absurd seine Unternehmung ist. Das Gleiche gilt für Leben und Seele. Es sei denn, man sieht den Geist, die Seele und das Leben als Veräußerungen der Materie an. Dann aber unterwirft man alles den materialistischen Erklärungsmodellen – irgendwie andersgeartete, eigenständige Geist-, Seelen- und Lebenskräfte existieren innerhalb dieser Weltbetrachtung nicht.

Sollte es aber sein, dass diese den Menschen charakterisierende Dimensionen von Geist, Seele und Leben in einem physischen Körper doch sich den materialistischen Erklärungsmodellen entziehen und innerhalb eigener Dimension betrachtet, erlebt werden müssen, dann ist die Konsequenz des Materialismus offensichtlich – der Mensch ist darin als Idee und wirkende Realität nicht vorhanden! Diese Frage entscheidet über das Fortbestehen der Menschheit.

Periagoge – Geburtsrichtung (Therapie) im Amniongleichnis

Nach diesen Darstellungen des Amniongleichnises befindet sich der Mensch in einer Fruchtblase (Amnion) aus ihn umgebenden etablierten gesellschaftlichen materialistischen Ideen und ihren praktischen Auswirkungen. Diese Auswirkungen definieren ganz subtil sein Selbst- und Weltbild. Entsprechend diesem Selbst- und Weltbild nimmt die Entwicklung der Menschheit ihren Lauf. Die völlige Gewöhnung an diese Umgebung macht ein Reflexionsprozess vorerst unmöglich. Das gewohnte Wasser und die nährende Plazenta können nicht als solche wahrgenommen werden. Sie sind für den Menschen vorerst wie unsichtbar. Der Mensch muss aus der Gewöhnung raus, sich aus diesem Wasser gebären und die Nabelschnur durchtrennen, um seine Ausgangslage betrachten zu können. Der Prozess der Bewusstwerdung beschriebener Erkenntnisschichten ist bereits ein langsamer geistiger Geburtsprozess aus dem Amnion. Je tiefer der Mensch das ihn umgebende Amnion begreift, desto weiter bewegt er sich aus ihm heraus. Es findet eine innere Umkehrung (Periagoge) statt. Der Mensch richtet sich auf neue, entgegengesetzte (weil im Amnion nicht enthaltene) Ideen aus, die ihn zur Menschfindung (Arete) führen. Es findet also nicht zuerst eine Bewusstwerdung des Amnion statt und dann die innere Umkehrung, die geistige Geburt statt, sondern je höher die Bewusstwerdung voranschreitet, desto weiter schreitet auch die Geburt voran.

Um das Fortschreiten der Menschheit zu gewährleisten, müsste demnach

  • der Mensch als (humanistische, menschengerechte) Idee immer besser gefasst werden
  • und die ganz konkreten Realitäten des Materialismus und seiner Folgen in der Dehumanisierung als Kernproblem der meisten Erscheinungen unserer Zeit im Detail begriffen werden

Die Menschfindung im humanistischen Menschenbild

Aus der Bewusstwerdung des – im kollektiven Unterbewusstsein materialistischer Auswirkungen schlafenden – IST-Zustandes der eigenen Individualität kann ein Menschenbild herauskristalisiert werden, welches mit vollem Recht als humanistisches Menschenbild bezeichnet werden kann. Es muss dem Negativ des Gesamtbildes antihumanistischer gesellschaftlicher Wirklichkeit abgerungen werden. Dieses Menschenbild ist die eigentliche Geburtsfrucht, das geistige im bisher schlafenden Menschen zu gebärende Kind. Der im Werden und nicht im Sein begriffene Mensch nimmt in diesem Schritt das Erbe seiner Entwicklung, den Keim seiner weit über das jetzige Verständnis herausragenden menschlichen Zukunft an.

Der Boden für das moderne pessimistische und antihumanistische Verständnis von einem begrenzten, ineffizienten, verdorbenen, an seine Grenzen gekommenen und aus der natürlichen Ordnung herausfallenden, die Natur störenden Menschen wurde bereits im „Vom Elend des menschlichen Daseins“ (ca. 1194) von Lotario di Segni aus noch älteren humanpessimistischen Ansichten zugespitzt. Ca. 300 Jahre später entsteht das Werk von Giovanni Pico della Mirandola „Über die Würde des Menschen“ (1486), welches als ein humanistischer Gegenentwurf und immer noch hoch aktuelle Basis humanistischer Wurzeln betrachtet werden kann. Auch über 500 Jahre später – trotz humanistischer Versuche des deutschen Idealismus (zu dem ich auch W. v. Humboldt und R. Steiner rechne) – bleibt seine Schrift hoch aktuell.

Die fehlende Perfektion des Menschen in Bezug auf jegliche Spezialisierungen, ob körperlicher (Schwäche und Gebrechlichkeit des Körpers vs. annähernde Unzerstörbarkeit technischer ‚Weiterentwicklungen‘), seelischer (emotionale Beeinflussbarkeit vs. emotionale Neutralität technischer ‚Lösungen‘) oder geistiger Natur (scheinbar begrenzte, langsame und selektive Intelligenz vs. unbegrenzte, schnelle und allumfassende ‚KI‘) wird bereits dort nicht als Mangel und Problem, sondern als der Grund für die Freiheitsmöglichkeit des Menschen dargestellt; der Grund für seine ganz besondere Stellung als „Chameleon“ in der Mitte der Schöpfung, mit der Möglichkeit alles in freier Entwicklung werden zu können – von tierischer Begierdenergebenheit und pflanzlicher Bewusstseinsdumpheit bis zu den Höhen menschlicher und übermenschlicher geistiger Wirklichkeit.

Und gerade die geistige Wirklichkeit des Menschen liegt seit mindestens 100 Jahren beinahe unberührt da und wartet darauf von menschlicher Individualität, vom menschlichen Ich geborgen und entfaltet zu werden. So naheliegend und alltäglich diese geistige Wirklichkeit auch tatsächlich ist, die uns jeden Tag als denkende, fühlende, wollende und selbst- und weltwahrnehmende Wesen in Erscheinung treten lässt; so wenig scheint uns davon (vor allem als etwas Besonderes) in Bewusstsein zu treten. Dem Amnion materialistischer Wirklichkeit gleich ist diese geistige Wirklichkeit uns derart gewohnt, dass wir sie nicht als gesondert wahrnehmen. Sie bleibt uns dadurch unsichtbar. Wir entfalten unser Leben in Bezug darauf eher schlafend und leben lediglich in der Auswirkung dieser geistigen Wirklichkeit; ohne bewusstes Erleben der real-geistigen Dimension und ihrer Tragweite, ihrer zentralen Bedeutung für unsere Sondherstellung als Menschen. Trotz vieler Ähnlichkeiten mit den Tieren, die uns besonders interessieren und uns faszinieren, bleiben uns die so entscheidenden Unterschiede, die uns als Menschen ausmachen, unbewusst. Der Mensch interessiert uns bisher wenig bis gar nicht. Das Tier und die Maschine um so mehr.

Wohl können die geistige Faulheit, Bequemlichkeit und Angst die zentralen Gründe dafür sein, warum der Mensch bisher sich selbst mit dem Bade seiner Unzulänglichkeit im Vergleich zu Spezialisierung und einseitiger Perfektion der Tiere und Maschinen ausschüttet. Für das Ergreifen der geistigen Wirklichkeit des Menschen, die den Menschen erst in seinem Menschsein erlebbar werden lässt, braucht es einer recht starken geistigen Anstrengung, der Unterbrechung des Reiz-Reaktion-Musters im denkenden Wahrnehmen der äußeren und inneren Welt. Wer die Bedeutung von dieser Unterbrechung nicht zumindest erahnend erlebt, wird auch nicht ihre Tragweite für die menschliche Weiterentwicklung, für die Erhaltung dieser Entwicklung begreifen. Der Mensch bleibt als geistiges Wesen unberührt im materialistischen Amnion seiner schlafenden Alltagstätigkeit liegen.

Um das humanistische Menschenbild konkret zu greifen – und nur das Konkrete hat für unsere Zeit des Erkenntnisstrebens eine Bedeutung – muss die erwähnte geistige Wirklichkeit in ihrem allerersten Anhaltspunkt, in ihrem uns erlebbaren allerersten Ansetzen ins Bewusstsein geholt werden. Wir müssen unsere geistige Tätigkeit künstlich verlangsamen, einen gewissen Automatismus unterbrechen, um an ihren Ursprung innerhalb unseres Bewusstseins zu kommen. Dieser Prozess wurde bereits umfassend und präzise von Rudolf Steiner in „Wahrheit und Wissenschaft“ und „Philosophie der Freiheit“ beschrieben. Ich nehme darauf Bezug in folgenden Beiträgen: https://sozialekunst.eu/2023/05/04/was-hat-kant-mit-unserer-sackgasse-zu-tun-teil-2/ und https://sozialekunst.eu/2023/05/16/rudolf-steiner-und-die-erkenntnistheorie-teil-3/. Hier versuche ich lediglich die Essenz davon zusammen zu fassen, die mir in Bezug auf das humanistische Menschbild als zentral erscheint:

  1. Um die geistige Wirklichkeit des Menschen an ihrem Ursprungspunkt zu fassen, muss der allererste Zugriffspunkt gesucht werden, welches innerhalb der ‚reinen Beobachtung‘ (noch nicht in Begriffe, Definitionen, innen-außen, Subjekt-Objekt etc. differenziertes Erleben; also ein undifferenziertes Erleben) die erste Differenzierung, die erste Tätigkeit entfaltet. Diese ‚reine Beobachtung‘ ist genau der Zustand, welcher denkend als Unterbrechung und Verlangsamung des Erkenntnisprozesses künstlich hergestellt werden muss. Unsere geistige Tätigkeit ist so damit verbunden, dass dort keine Trennung existiert. Wie in Lichtgeschwindigkeit, die wir anhalten müssen, geschieht dort in der vorerst ‚reinen Beobachtung‘ der Zugriff unseres allerersten selbstbewussten Erlebens (das nicht selbstbewusste Erleben, wäre uns aufgrund des fehlenden Bewusstseins gar kein Erleben). Dieser Zugriffspunkt ist nichts anderes als das Denken! Das Denken, welches der ‚reinen Beobachtung‘, dem außen erlebten Wahrnehmungsinhalt einen innen erlebten Begriff entgegen stellt und somit das außen und innen erst als Solches charakterisiert, dieses Denken ist die tätige geistige Wirklichkeit des Menschen.
  2. Mit Hilfe dieser geistigen Wirklichkeit des Denkens wird der Mensch erst fähig sein Menschliches zu entfalten. Der insofern zunehmend bewusst ergriffene tätige Geist des Menschen, der vorhin eher unbewusst die Grundlage der Erkenntnisfähigkeit, des selbstbewussten Erlebens lieferte, wird zur Grundlage der Veredelung des seelischen Lebens (Gedanken, Gefühle, Willensimpulse und Taten, Gewohnheiten und Charakterzüge) und zur Grundlage einer freiheitlichen Entwicklung.

Das hier charakterisierte humanistische Menschenbild, welches als die Geburtsrichtung aus dem materialistischen Amnion gemeint ist, kann in Ergänzung zu bereits bekannten in der Tradition des deutschen Idealismus, auf den Geist und das Ich bezogenen Ausführungen verstanden werden. Ganz im Sinne von homo absconditus und des Chameleons von Giovanni Pico kann es nicht fest definiert werden, sondern in seinen Grundsätzen – der geistigen Dimension des Denkens, dem ganz konkreten Zugang zur rein geistigen Welt und der daraus resultierenden Veredelung des Seelenlebens – charakterisiert und anfänglich gegriffen werden. Aus diesem anfänglichen Ergreifen kann zunehmend das geistige Kind im schlafenden erwachsenen Menschen geboren werden, das unser geistiges Innenleben in die bisher diffuse und unbekannte geistige Außenwelt hinaus bzw. in sie hinein führt.

Da der (post)moderne Humanismus das wahrhaft Humane hinter sich gelassen hat und sich lediglich auf die materialistisch naturwissenschaftliche Aufklärung bezieht, verwende ich den Begriff „geistiger Humanismus“, um die Abgrenzung von der (post)modernen Sackgasse zu gewährleisten. Bei dem wahrhaft begriffenen Humanismus ist das Attribut „geistig“ so überflüssig, wie das Attribut „fettig“ für die Butter. Doch in unserer Zeit des verlorenen Geistes und somit des verlorenen Menschen scheint diese Betonung geradezu notwendig zu sein, um den Humanismus und das humanistische Menschenbild wirklich zu begreifen.

Schlusswort

Mit diesem Amniongleichnis hoffe ich einen Beitrag für das schwach vertretene, aber im wahren Sinne des Wortes notwendige humanistische Streben unserer Zeit zu leisten. Ich befürchte, die Nöte unserer Gegenwart müssen noch deutlich anwachsen und den Menschen in seiner bisher unbegriffenen Menschlichkeit derart existenziell bedrängen, damit er die bisherige geistige Faulheit, Bequemlichkeit und letztendlich Angst vor Erkenntnis der Notlage überwindet und sich wirklich geistig als Mensch fassen will. Das im Eingangskapitel beschriebene Verschwinden des Menschen in einer immer stärkeren Anpassung an die Technik wird demnach noch deutlich zunehmen.

Bisher scheint die Natur dem Menschen wichtiger zu sein als er selbst. Nur hat die Natur, welche erst im Geiste des Menschen, in ihren rein geistigen Idealen – für uns vorerst abstrakt, aber in Wirklichkeit lebendiger als in ihren materiellen Einzelformen – aufersteht, ohne Menschen keine Zukunft. Der Mensch bringt der materiell veräußerten Natur das entgegen, was in ihm rein geistig als wesenhafte Urform im Begriff, in der Idee entsteht. Er begreift nur nicht die Tragweite und die Wirklichkeit dieser geistigen Dimension. Und er findet bisher keine Notwendigkeit dies zu begreifen.

Möge sich das zumindest für einen geistig strebenden Anteil der Menschen ändern, die nicht den Untergang, sondern die Zukunft der Menschheit prägen! Möge dieser im Untergang begriffenen Zeit ein keimendes Siegel auf die Stirn eingebrannt werden! Mögen sich diejenigen finden, die im Sinne des geistigen Humanismus für die menschliche Entwicklung einstehen!

Schreibe einen Kommentar